Gebäudeautomation

Neuland für Azubis

4. Mai 2022, 15:00 Uhr | Sabine Narloch
ZVEH Ausbildung Gebäudesystemintegrator
Geschäftsführer Stefan Ehinger mit seinem Auszubildenden Oskar Palmowski sowie dessen Ausbildern Sinah Schmitt und Gerald Müller (von links)
© ZVEH

Zum Ausbildungsjahr 2021/2022 ist der neue elektrohandwerkliche Ausbildungsberuf „ElektronikerIn für Gebäudesystemintegration“ angelaufen. Erste Erfahrungen von zwei Azubis.

Die Digitalisierung sowie die zunehmende Vernetzung erfordern auch im Elektrohandwerk immer neue Kompetenzen. Denn damit im Smart-Home-Bereich unterschiedliche Systeme und Geräte hürdenlos miteinander kommunizieren und agieren können, werden Gebäudesystemintegratoren benötigt. Für diese gewerkeübergreifende Tätigkeit hat sich der Zentralverband der Deutschen Elektro- und Informationstechnischen Handwerke (ZVEH) eingesetzt und die Schaffung eines neuen Ausbildungsberufs vorangetrieben: „ElektronikerIn für Gebäudesystemintegration“. Das Ausbildungsprofil des neuen Berufsbildes soll speziell junge Menschen mit (Fach-)Abitur und mit Studienerfahrung ansprechen. Doch finden sich solche Leute tatsächlich und wie ist es letztlich auch um deren handwerkliches Geschick bestellt? Der ZVEH schätzt auf Smarthouse-Pro-Nachfrage, dass zirka 120 Menschen zum Ausbildungsjahr 2021/2022 im neuen Beruf gestartet sind; eine exakte Zahl des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) lag bei Redaktionsschluss hingegen noch nicht vor. Zwei dieser Azubis sind der 22-jährige Tim Hütter, der bei Dornhöfer Automation & Haustechnik aus Mainz-Kostheim seine Ausbildung begonnen hat, und der gleichaltrige Oskar Palmowski, der wiederrum bei Elektro Ehinger aus Frankfurt am Main angefangen hat.

Beiden war das vorangegangene universitäre Studium jeweils zu theorielastig – und so trafen Ex-Jura-Student Tim Hütter und Ex-Informatik-Student Oskar Palmowski die Entscheidung, sich für eine Ausbildung zum Elektroniker Fachrichtung Energie- und Gebäudetechnik zu bewerben. Und während der Praktikumsphase zeigte sich, dass sie neben der Qualifikation auch Fingerfertigkeit, handwerkliches Geschick und fachliches Interesse mitbringen. „Wir haben gezielt nach einem Allrounder gesucht. Nach jemandem, der Spaß am praktischen Arbeiten und realistische Vorstellungen vom handwerklichen Alltag hat“, erinnert sich Stefan Ehinger, Geschäftsführer des Frankfurter Familienbetriebs Elektro Ehinger; mit Oskar Palmowski habe er diesen Kandidaten gefunden. Ähnlich war es bei Dornhöfer mit Tim Hütter, der recht bald gefragt wurde, ob er seine Lehre nicht lieber in dem neuen Beruf beginnen wolle. Die beiden Studienabbrecher waren schnell davon überzeugt. Dass sie nun zu den ersten Auszubildenden in diesem Bereich gehören, war für sie kein Hinderungsgrund, sie empfinden es eher als Pluspunkt: „Ich finde es cool, der Erste zu sein“, sagt Oskar Palmowski, und auch Tim Hütter „reizt der neue Beruf sehr. Die Bandbreite der Tätigkeiten ist enorm groß und ich kann hier in alle Bereiche des Unternehmens hereinschauen und Erfahrungen sammeln.“

ZVEH Ausbildung Gebäudesystemintegrator
Für Automatisierungsspezialist Dornhöfer im Einsatz: Auszubildender Tim Hütte, flankiert vom Ausbildungskoordinator Christian Wurm (links) und Geschäftsführer Reimund Niederhöfer.
© ZVEH

Von Anfang an dabei

Doch auch die Ausbildungsbetriebe betreten Neuland. „Ich wollte ein Signal setzen und von Anfang an dabei sein“, erklärt Stefan Ehinger seine Entscheidung, direkt mit dem Start des neuen Berufes darin auszubilden. Und auch Reimund Niederhöfer, Geschäftsführer bei Dornhöfer Automation & Haustechnik, wollte nicht lange warten. „Der Beruf ist zukunftsträchtig, und der Bedarf war bei uns schon lange da.“ Maximal dreieinhalb Jahre wird die Ausbildung nun dauern. Bis dahin gibt es viel zu lernen: Die Azubis bekommen praktisches Know-how vermittelt – vom Programmieren von Systemen über das Auswerten von Daten, die Kundenberatung oder die Suche nach Fehlern bei Störungen und Ausfällen. Auch die digitale Bauplanung, sprich Building Information Modeling (BIM), steht auf dem Stundenplan. Die künftigen Gebäudesystemintegratoren lernen aber auch, wie man einen Schaltschrank baut, Leitungen verlegt oder Ladepunkte für E-Mobilität installiert. In ihrer Klasse in der Berufsschule sind die beiden mit diesem neuen Spektrum noch Exoten, sie werden im ersten Ausbildungsjahr zusammen mit den Elektronikern für Energie- und Gebäudetechnik unterrichtet. Ab dem zweiten Jahr wird es dann aber eine separate Beschulung geben.

Vernetzung – nicht nur digital, sondern auch betriebsübergreifend

Gute Berufsaussichten sind in jedem Fall gegeben; schließlich ist davon auszugehen, dass der Bedarf an Vernetzungsexperten weiter wachsen wird. „Anlagen und Systeme werden im Zuge der Digitalisierung immer komplexer. Die Zusammenführung wird damit zunehmend zur Herausforderung. Dafür brauchen wir dringend Spezialisten“, so Stefan Ehinger. Doch auch die Ausbildungsbetriebe müssen sich auf die neue Situation erst noch einstellen. Wie viele Unternehmen sich auf dieses neue Terrain bereits gewagt haben, dazu gibt es ebenfalls (noch) keine Zahlen. Laut Auskunft des ZVEH befinden sich die Ausbildungsbetriebe jedoch eher im Süden Deutschlands und dort besonders in wirtschaftsstarken Regionen. Stefan Ehinger hat jedenfalls schon weitere Pläne: Er will entsprechende Betriebe aus der Rhein-Main-Region besser vernetzen, um den Austausch anzukurbeln. Reimund Niederhöfer wiederum möchte kleineren Unternehmen, die nicht alle praktischen Inhalte der Ausbildung abdecken können, unterstützen, indem er ihnen Ausbildungskooperationen mit seiner Firma anbietet. Aufbruchstimmung und kooperativ-konstruktive Energie sind somit gegeben und das ist immer ein guter Motor, um Neues anzustoßen.


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