Pflegegerechte Bäder

„Flaschenhals des deutschen Gesundheits- und Pflegesystems“


Fortsetzung des Artikels von Teil 1

Wichtig: ausreichend Steckdosen

Doch smarte Lösungen helfen nur bedingt weiter, solange im Bad ein Mangel an Steckdosen und Internet-Empfang vorherrscht. Vor allem zu wenige Stromanschlüsse sind allerdings vielerorts an der Tagesordnung, wie die Studienautoren feststellten. Bereits in der Vorgängerstudie aus dem Jahr 2016 hatten sie erklärt, dass „Innovationen der Sanitärwirtschaft und aus dem Bereich Smart Home im Badezimmer nur zum Einsatz kommen können, wenn Stromanschlüsse und Internet in Form von LAN oder WLAN verfügbar sind“, so Eberhardt. Wenn man beispielsweise eine Automatiktür oder eine höhenverstellbare Toilette einbauen möchte, sind jedoch plötzlich an Stellen Steckdosen nötig, an die beim Bau der Gebäude noch niemand gedacht hatte. Und mit Verlängerungskabeln oder Mehrfachsteckdosen zu arbeiten, ist keine gute Idee. Sie „stellen schon in allen anderen Räumen ein Problem in puncto Sicherheit dar, Überlastung oder Sturzquelle; im Badezimmer sind sie ein absolutes No-Go! Aufgrund der Wandstrukturen, meist Fliesen, lassen sie sich aber auch nur mit erheblichen Aufwänden nachrüsten“, gibt Eberhardt zu bedenken.

Die logische Folge, die in der Studie betont wird: Die Voraussetzungen für umfangreiche smarte Lösungen müssen bereits beim Neubau von Gebäuden mitgedacht werden. Und daher lautet auch eine der Handlungsempfehlungen, dass bauliche Minimalanforderungen ein Pflichtbestandteil in Aus- und Weiterbildungslehrgängen für Handwerker, Architekten und Planer werden sollten. Denn wenn Neubauten bereits auf Anforderungen von alten oder pflegebedürftigen Menschen ausgelegt sind, wäre eine Badsanierung im Akutfall nicht mehr nötig; das Nachrüsten könnte dann laut Studie ohne großen Aufwand erfolgen und Kosten im vier- bis fünfstelligen Eurobereich ließen sich einsparen. Denn ein kompletter Umbau eines schlauchförmigen Bades kann bis zu 25.000 Euro kosten – der Zuschuss der Pflegekassen für den Badumbau liegt hingegen nur bei 4.000 Euro.

In Hinblick auf smarte Produkte ist zudem die Industrie gefragt: So müssen viele potenziell denkbare Lösungen erst noch entwickelt werden. Wie diese aussehen könnten, haben die Studienautoren im Zuge der Vorstellung der Ergebnisse gezeigt. Sie haben ein pflegegerechtes Beispielbad präsentiert, in dem es unter anderem Duschwände gibt, die sich halbieren lassen; so wird die Pflegekraft nicht nass, kann aber dennoch der zu pflegenden und sitzenden Person beispielsweise die Haare waschen. Auch lassen sich solche Duschwände an die Wand klappen. Sie stehen somit nicht mehr im Raum. Praktisch wäre darüber hinaus sicherlich eine digitale Steuerung. Auf entsprechende Duschwände ist Eberhardt bei ihren Recherchen allerdings noch nicht gestoßen. „Auch andere elektrisch ausgestattete Elemente wie Lifter an Toilette oder Waschtisch oder bereits digitalisierte Elemente wie Dusch-WCs lassen sich bislang ohne teure Individual-lösungen nicht in Smart-Home-Umgebungen einbinden“, so Eberhardt.

Nichtsdestotrotz ist das pflegegerechte Bad ein bedeutender – und vor allem wachsender – Markt für Fachbetriebe. Und auch wenn diese mitunter noch nicht aus dem Vollen schöpfen können, was Lösungen und Vor-Ort-Voraussetzungen betrifft, so spielen SHK-Anbieter in diesem Segment bereits eine wichtige Rolle. „Aus Workshops und Umfragen mit HandwerkerInnen wissen wir, dass SHK-Betriebe gerade im Umbau einzelner Bäder zusammen mit den Wohnberatungen einen großen Teil der Beratungen übernehmen“, so Eberhardt. Sie könnten mit der „richtigen Argumentation und geprüften Strategien für einen nachhaltigen Umbau sorgen, der auch für die ambulante Pflege zuhause geeignet ist“. Und gerade diese Bedeutung des vorausschauend geplanten Neubaus zeigt, dass sich der Markt längst nicht nur über die aktuelle Situation erstreckt. Wer ein Haus bauen oder eine Neubau-Wohnung kaufen möchte, sollte sich bereits frühzeitig mit dem Thema befassen, um einen gegebenenfalls teuren Umbau zu vermeiden. Der Fachbetrieb kann dabei als kompetenter Impulsgeber auftreten.

Über die Studie
Die Studie „Optimierung der Ausführung und Finanzierung von pflegegerechten Bädern“ hat der ZVSHK zusammen mit Sibylle Meyer (SIBIS Institut für Sozial- und Technikforschung GmbH), Birgid Eberhardt (GSW Gesellschaft für Siedlungs- und Wohnungsbau Baden-Württemberg mbH) und Dagmar Lautsch-Wunderlich (Architektin) erstellt. Für die Studie fanden zunächst Workshops mit Pflegekräften, Wohnberatungen, Architekturbüros und Handwerkern statt. Daraus wurde ein bauliches Anforderungsprofil für pflegerechte Bäder erarbeitet. Im Anschluss erfolgte die Konzeption von Lösungen für pflegerechte Bäder auf engstem Raum. Auch die technische sowie wirtschaftliche Machbarkeit wurde untersucht.

 


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