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„Geschärfte Sinne, sensibilisiertes Bedienverhalten“

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Die Corona-Pandemie hat den Bedarf an Gebäudeautomationslösungen stark ansteigen lassen. Im Interview erläutert Markus Lorenz von TTI, Distributor für elektronische Komponenten, die Folgen der Chipknappheit, den Stellenwert Europas und welche Art der Gebäudeautomation künftig wichtig sein wird.

Smarthouse Pro: Herr Lorenz, hat die Gebäudeautomation durch die Corona-Pandemie an Bedeutung gewonnen?

Markus Lorenz: Sie hat sich verändert. Als Bauteildistributor für passive Komponenten haben wir eine stärkere Nachfrage beim Thema Sensorik verzeichnen können. Das ist im vergangenen Jahr stark in den Fokus gerückt. Das zeigte sich zum einen bei Anfragen an die Entwicklung, aber auch in den Stückzahlen.

SHP: Sind diese Veränderungen etwa konkret auf die technologischen Anforderungen zurückzuführen, die durch die Pandemie entstanden sind?

Lorenz: Absolut. Im zweiten Quartal 2020 gab es einen massiven Nachfrageanstieg im Bereich Sensorik für Luftqualität und Luftdurchfluss, wovon viel aber auch für den medizinischen Bereich gedacht war. In Europa – und auch global – gab es riesigen Produktionsbedarf für Beatmungsgeräte. Hier sind auch Firmen aus dem Building- und Industrie-Bereich in die Bresche gesprungen und haben plötzlich Komponenten für Beatmungsgeräte gebaut.

Das war ein sehr hoher Peak in der Nachfrage. Was wir jetzt konstant sehen, sind Anfragen für Sensorik, die für kontaktlose Einlasssysteme genutzt werden. Andererseits werden, sowohl von Kunden- als auch von Herstellerseite, mehr Produkte im Bereich Luftqualitätsmessung bereitgestellt. Hierbei geht es um Klimageräte, aber auch CO2-Monitoring, was den Rückschluss auf das Infektionsrisiko in Räumen erlaubt.

SHP: Mussten Sie im vergangenen Jahr auch Engpässe erleben aufgrund von zurückgehenden Produktionszahlen ausgelöst durch geschlossene Werke oder Kurzarbeit?

Lorenz: Nicht aufgrund zurückgehender Produktionszahlen. Die Kollegen im Asset Management hatten lange Tage und Wochen, eben weil der Bedarf an Sensorik kurzfristig so stark gestiegen ist, worauf die Produktion gar nicht vorbereitet war. Das hat sich allerdings wieder nivelliert.

SHP: Durch die Pandemie gibt es bereits eine Knappheit an Halbleitern, von der viele Branchen betroffen sind. Befürchten Sie denn künftig keine Engpässe für Elektronik-Bauteile?

Lorenz: Der Effekt der Chipknappheit hat tatsächlich auch uns betroffen, obwohl wir Chips gar nicht wirklich im Sortiment haben. Denn alle Produkte sind in der Bestellung in ein größeres Planungsfenster gerückt. Hersteller haben letztes Jahr wegen der generellen Unsicherheit Bestellungen auf ein Minimum reduziert, womit sie gerade so die Produktion abdecken konnten. Zum Teil haben sie auch aus eigenen Lagerbeständen gelebt. Der entscheidende Punkt war das Schließen von Automobilwerken wegen fehlender Chipkomponenten. Das hat dazu geführt, dass viele Firmen auf Nummer sicher gehen wollten, auch bei Steckverbindern, Relais und Sensorik. Es wurden große Bestellungen aufgegeben, was zu einem gewissen Ziehharmonika-Effekt führte. Im Moment ist die Herausforderung, diesen Umkehrschwung bei den Bestellungen zu managen, um sicherzustellen, dass der Bedarf gedeckt ist.

SHP: Vor Kurzem hat die EU ihren „Digital Kompass 2030“ vorgestellt, der vorsieht, dass 20 Prozent aller Halbleiter weltweit in der EU produziert werden sollen. Würden Sie sich solche Ziele auch für die Elektronikherstellung wünschen?

Lorenz: Unsere Hersteller haben globale Fertigungen. Als Europäer will man natürlich, dass man hier eine gewisse Standfläche hat.

SHP: Aber die Produktion verlagert sich zunehmend ins Ausland. Fertigungsfabriken in Europa liegen nicht unbedingt im Trend, oder?

Lorenz: Als europäisches Tochterunternehmen bedienen wir unsere Kunden in Europa. Alles, was wir hier umsetzen, fließt in die Fertigung in Europa. Bei den Elektronikkomponenten für Gebäudeautomation gibt es zwei Aspekte: Qualität und Masse. Besonders in Europa wird in Bereichen wie Government und Office Building stark auf qualitativ hochwertige Technologien gesetzt, die in Europa gefertigt werden. Klar ist: Firmen, die die Systeme hier entwickeln, haben die Produktion oft anderswo. Allerdings greift dabei ein großes Netzwerk an Fertigungsbetrieben und Electronics-Manufacturing-Services-Partnern, die darauf spezialisiert sind, solche Platinen und Komponenten herzustellen.

SHP: Befürchten Sie denn, dass Hersteller künftig nur bestimmte Industriezweige oder geografische Gebiete mit höherer Priorität beliefern könnten?

Lorenz: Der Trend ist, dass Hersteller vermehrt mit Distributionspartnern arbeiten, weil wir über unser Vertriebs- und Entwicklungsnetzwerk sowie unsere Techniker eine größere Abdeckung in der Fläche haben, die ein Hersteller gar nicht mehr schaffen kann. Es braucht eine Partnerschaft, weil wir der verlängerte Arm der Hersteller zu den Kunden sind. Ebenso können wir ein Sprachrohr zurück zum Hersteller sein und die Bedarfe von mehreren europäischen Kunden bündeln. Dadurch geben wir dem Bedarf mehr Gewichtung.

SHP: Während der Pandemie kamen keine Zweifel auf, dass dieses System so irgendwann nicht mehr funktionieren könnte?

Lorenz: Mit unseren Herstellern definitiv nicht. Natürlich waren hier auch Werke von Lockdowns betroffen, aber da nn wurden Produktionen teilweise verlagert und es wurde immer offen kommuniziert. Da hieß es nicht plötzlich, dass sich nur noch auf einen Industriezweig konzentriert wird.


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