Home Appliances

"Wir sehen zum Teil sogar eine positive Entwicklung"

14. August 2020, 11:31 Uhr | Autor: Stefan Adelmann
Shoppingcenter Shopping Shoppen Mall mit Menschen
Wahrscheinlich eines der letzten Smarthouse Pro-Gespräche mit Hans-Joachim Kamp in der Funktion als Aufsichtsratvorsitzender der gfu Consumer & Home Electronics. Kurz nach dem Interview wurde bekanntgegeben, dass der langjährige Branchenkenner das Amt zum 1. August niederlegen wird.
© 123rf

Die Corona-Krise lässt auch die Home-Appliances- und CE-Branche nicht unberührt. Im Interview erläutert Hans-Joachim Kamp, wie sich die Verkäufe entwickeln, was der Handel in der Krise unternehmen kann und wie sich die Smart-Home-Nachfrage steigern lässt.

Smarthouse Pro: Herr Kamp, im Home Electronics Market Index (HEMIX) erreichten viele Produktbereiche im ersten Quartal des Jahres noch ein Plus – dann folgte die Corona-Pandemie. Ist zu befürchten, dass das zweite Quartal aufgrund der Krise deutlich turbulenter verlaufen ist?

Hans-Joachim Kamp: Eine turbulente Entwicklung des zweiten Quartals war aufgrund der Hochphase der Pandemie sicher zu befürchten, dennoch sehen wir aktuell für Produkte, die zuhause genutzt werden können, sogar eine zum Teil deutlich positive Entwicklung. So entwickelte sich beispielsweise der Markt für Fernsehgeräte im Vergleich zum Vorjahr mit einem Plus. Auch Kopfhörer sind stärker als erwartet gewachsen. Gleiches gilt für viele Sparten der Elektrohausgeräte. Hier sind zum Beispiel Kühl- und Gefriergeräte sehr erfolgreich.

Smarthouse Pro: Dennoch stellt die Krise viele Unternehmen vor gewaltige Herausforderungen. Wie ist Ihrer Erfahrung nach die aktuelle Stimmung seitens der Hersteller, aber vor allem auch seitens der Händler?

Kamp: Die Hersteller haben während des Lockdowns ihre Beziehungen zum Handel unverändert gepflegt und weitestgehend auch die Lieferfähigkeit aufrechterhalten. Nach dem Lockdown waren sowohl Hersteller als auch der Handel natürlich erfreut, dass die Geschäfte wieder öffnen konnten. Umso erfreulicher ist es, dass die Konsumenten auch wieder in die Läden gehen. Dies unterstreicht auch ein Ergebnis unserer gfu-Studie, die wir im April durchgeführt haben, dass mehr als drei Viertel der Befragten ihr Online-Kaufverhalten nicht verändert haben. Wie eingangs erwähnt, spiegelt sich dies aktuell auch in den Marktzahlen wider.

Smarthouse Pro: Was raten Sie dem Fachhandel, aber auch Planern und Integratoren, wie sie bestmöglich durch die Krise kommen können? Wo sehen Sie aktuell etwaige Chancen?

Kamp: Bedingt durch die Aufforderungen, zuhause zu bleiben und Kontakte zu reduzieren, haben Produkte für das Zuhause an Bedeutung gewonnen. Ein pauschales Erfolgsrezept gibt es nicht, aber die Notwendigkeit einer Multichannel-Strategie und vor allem die der Kommunikation mit dem Kunden „auf allen Kanälen“ hat sich erneut gezeigt.

Smarthouse Pro: Wie kann diese im Detail aussehen?

Kamp: Kommunikation mit dem Kunden bedeutet heute nicht nur das persönliche, direkte Gespräch, sondern auch Angebote wie zum Beispiel Chat und Social Media, um Kunden überall abzuholen, sie bestmöglich beraten zu können und die vorhandenen Bedürfnisse zu erkennen beziehungsweise die Anforderungen optimal zu lösen.

Smarthouse Pro: Sie haben bereits die gestiegene Nachfrage in einigen Bereichen angesprochen. Aber sind Produkte wie Home Appliances, Fernseher und Hifi-Geräte nicht Anschaffungen, die Konsumenten in herausfordernden Zeiten eher verschieben?

Kamp: Hier gibt es keine einheitliche Entwicklung. Bei manchen Geräten für das Heim wurden Käufe vielfach vorgezogen, bei anderen verschoben. In welcher Größenordnung dies geschehen ist oder noch geschieht, wird sich erst bei der Auswertung des gesamten Jahres im Vergleich mit den Prognosen feststellen lassen.

Smarthouse Pro: Produkte wie beispielsweise Notebooks wurden zumindest im Business-Umfeld aufgrund des Homeoffice-Booms massiv nachgefragt. Sehen Sie eine vergleichbare Entwicklung auch in anderen Produktbereichen?

Hans-Joachim Kamp, gfu
Hans-Joachim Kamp: “Beim Smart Home ist es wie bei vielen anderen Produktgruppen: Der gefühlte und später dann erfahrene Nutzen muss größer sein als die vielleicht vorhandenen Bedenken.”
© gfu

Kamp: Ja, einige Produktbereiche konnten pandemiebedingt Zuwächse verzeichnen. Dazu gehören Fernsehgeräte, Kopfhörer, Kühl- und Gefrierschränke, Computer-Hardware, Mäuse, Tastaturen und Headsets.

Smarthouse Pro: Wie gestaltet sich im Speziellen die Situation im Smart-Home-Bereich. Hat der allgemeine Digitalisierungsschub vor allem im Zuge der Pandemie hier ebenfalls Effekte gezeigt?

Kamp: Nach unseren Informationen konnte auch das Smart-Home-Segment in den letzten Monaten Zuwächse verzeichnen. Bei vielen Menschen hat das Zuhause durch die Pandemie eine neue Bedeutung gewonnen und es werden Investitionen dafür getätigt.

Smarthouse Pro: Noch hat der Smart-Home-Markt aber nicht die oftmals prognostizierte Größe erreicht. Wo muss die Industrie Ihrer Meinung nach noch ansetzen, um Smart Home zum umfassenden Erfolg zu verhelfen? Sehen Sie Nachholbedarf beispielsweise bei Standardisierung, Sicherheit oder Datenschutz?

Kamp: Auf der technischen Seite sehe ich keinen Nachholbedarf. Auch hinsichtlich Datenschutz und Sicherheit gibt es vielfältige Lösungen, die höchste Anforderungen erfüllen. Beim Smart Home ist es wie bei vielen anderen Produktgruppen: Der gefühlte und später dann erfahrene Nutzen muss größer sein als die vielleicht vorhandenen Bedenken. Und es gilt: „Seeing is believing“. Ich denke, dass eine ansprechende Produktpräsentation, die alle Vorzüge eines Smart Homes darstellt, unabdingbar ist. Der Kunde muss von der Einfachheit und den Möglichkeiten bei Komfort und Sicherheit überzeugt werden. Wenn er den Mehrwert für sich erkennt, wird er auch zu Investitionen bereit sein. Hier kann der Fachhändler oder Installationsbetrieb seine Beratungskompetenz voll ausspielen.


Das könnte Sie auch interessieren

Verwandte Artikel

gfu-Gesellschaft für Unterhaltungs- und Kommunikationselektronik mbH