Gastkommentar von Allterco

Digitalisierung in Deutschland: Reaktion statt Innovation?

24. November 2022, 7:30 Uhr | Autor: Gregor Bieler / Redaktion: Diana Künstler
Proaktiv statt reaktiv
© fokusiert/123rf

Scheinbar braucht es hierzulande erst Krisen, um die Digitalisierung in Schwung zu bringen, das zeigte sich bereits in der Corona-Pandemie und aktuell in der Energiekrise erneut. Gregor Bieler, Chairman bei Allterco, fordert dagegen mehr Mut zu Innovation und proaktive Digitalisierung.

Während in Schweden fast jeder dritte Haushalt über einen reinen Glasfaseranschluss verfügt, sind es in Deutschland lediglich drei Prozent, so eine Auswertung von Verivox1. Das ist natürlich keine neue Erkenntnis. Beiträge wie „Deutschland hinkt beim Glasfaserausbau hinterher“ kann man jede Woche irgendwo lesen. Sie reihen sich ein in eine lange Liste von Artikeln, die die digitalen Infrastrukturen hierzulande kritisieren. Liegt das am deutschen Wesen, daran, dass wir einfach gerne meckern, oder steht es wirklich so schlecht um den technologischen Fortschritt?

Anbieterkompass Anbieter zum Thema

zum Anbieterkompass

Krisen als Trigger der Innovation

Gregor Bieler von Allterco
„Eine digitale Transformation, die erst Krisen als Katalysator braucht, ist alles andere als optimal. Stattdessen müssen wir diese Transformation proaktiv vorantreiben, nur so lässt sie sich auch aktiv gestalten“, ist der Autor Gregor Bieler überzeugt. Seit August 2021 ist Bieler als Chairman of the Board of Directors bei Allterco Robotics tätig, einem Anbieter von Smart-Home-Lösungen. Davor ist er anderem VP im Sales & Marketing bei Logitech sowie Vice President und Managing Direktor bei Paypal gewesen.
© Allterco

Leider sprechen neben dem schleichenden Glasfaserbreitbandausbau auch noch andere Faktoren dafür, dass die Digitalisierung in Deutschland hinterherhinkt. Infrastrukturen werden oft erst dann modernisiert, wenn es nicht mehr anders geht. Man muss sich nur einmal den Zustand von Schulen und Universitäten im Frühjahr 2020 ansehen. Während in anderen Ländern Schüler längst mit digitalen Endgeräten im Unterricht saßen, schrieben deutsche Lehrer oft noch mit Kreide auf Tafeln. An den Universitäten sah es auch nicht viel besser aus. Es scheint, als hat es erst die Corona-Pandemie gebraucht, damit die Entscheidungsträger den Wert eines digitalen Bildungssystems erkennen. Seitdem ist tatsächlich auch viel Geld in diesen Bereich geflossen. Ob es im Detail sinnvoll investiert wurde, darüber mag man sich streiten, wichtig ist, es ist immerhin etwas in Bewegung gekommen.

Kontaktloses Bezahlen war in vielen Ländern weltweit bereits lange vor der Corona-Pandemie der Standard. Nicht so in der Bundesrepublik, hier musste man oft froh sein, wenn man überhaupt mit irgendeiner Karte bezahlen konnte. Deutschland war lange Zeit das gallische Dorf des Bargeldes. Doch auch das änderte sich in der Pandemie. Inzwischen nutzen neun von zehn Bundesbürgern kontaktlose Zahlungen, wie der Bitkom in einer Studie ermittelte2.

Aktuell in der Energiekrise sehen wir ein ähnliches Phänomen: Allmählich beginnen sich mehr Menschen für Themen wie intelligente Energieverteilung und -steuerung zu interessieren. Bisher waren dies eher Nischenthemen, obwohl Technologien auf Netzebene oder im Smart-Home-Bereich schon lange existieren. Auch hier war wieder erst eine Krise der Anlass, sich mit Lösungen durch neue Technologien zu befassen.

Resilienz durch Digitalisierung

Die Krisen zeigen uns auch, dass Unternehmen, die bereits digital gut aufgestellt waren, besser durch die schwierige Situation gekommen sind. In Firmen, die bereits eine Cloud-Infrastruktur und mobile Geräte für Mitarbeiter besaßen, war die Umstellung auf Homeoffice wesentlich einfacher. Der allgegenwärtige Fachkräftemangel könnte sich in Zukunft ebenfalls zu einer handfesten Krise entwickeln. Unternehmen, die dank Digitalisierung effizient und agil arbeiten, werden dadurch weniger Probleme bekommen.

Auf lange Sicht kann Digitalisierung sogar dazu beitragen, die europäischen Energieprobleme zu lösen. Um die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen zu verringern, bedarf es einer umfassenden Elektrifizierung in verschiedenen Sektoren, in der Wirtschaft, im Verkehr und zuhause bei der Heizung. Dieser zusätzlich benötigte Strom soll durch erneuerbare Energien erzeugt werden, die sehr volatil, weil vom Wetter abhängig sind. Diese doppelte Herausforderung lässt sich nur bewältigen, wenn wir ein intelligentes Netz aufbauen. Darüber werden neben Energie auch Daten übertragen, die sich zur Optimierung des Verbrauchs und der besseren Verteilung von Energie nutzen lassen.

Ein solches intelligente Netz beginnt im Kleinen, auf der Ebene einzelner Gebäude, die bestimmte Funktionen intelligent steuern können und Stromspeicher und Ladestationen für Elektroautos integrieren. Durch vernetzte Ladestationen wird es möglich, Fahrzeuge intelligent zu laden. Dadurch wird vermieden, dass zu viele gleichzeitig angeschlossene Autos die Netzstabilität gefährden. Würde ein solches Netz bereits existieren, hätten wir in der aktuellen Situation vermutlich weniger Probleme.

Mehr Technologieoffenheit wagen

Wenn wir in Deutschland im weltweiten Vergleich nicht abgehängt werden wollen, müssen wir offener für neue Technologien werden. Wir müssen den aktuellen Status quo stets hinterfragen, nicht nur in Krisensituationen, die eine ad-hoc Modernisierung notwendig machen. Eine digitale Transformation, die erst Krisen als Katalysator braucht, ist alles andere als optimal. Stattdessen müssen wir diese Transformation proaktiv vorantreiben, nur so lässt sie sich auch aktiv gestalten.

1 https://www.verivox.de/internet/nachrichten/glasfaser-in-europa-deutschland-hinkt-bei-nutzung-noch-hinterher-1119096/
2 https://www.bitkom.org/Presse/Presseinformation/Kontaktloses-Bezahlen-Corona-Schub-wirkt-nach


Das könnte Sie auch interessieren

Verwandte Artikel

Smarthouse Pro