Kommentar

Smarte vs. harte Realität

Peter Respondek, freiberuflicher Fachautor und Publizist.
Peter Respondek ist freiberuflicher Fachautor und Publizist.
© Peter Respondek

Der Smart-Meter-Rollout nimmt Fahrt auf. Es wird fleißig produziert und eingebaut. Aber ist wirklich alles smart, was sich intelligent schimpft? Oder hakt es an entscheidender Stelle?

Es ist erst wenige Wochen her, dass E.on auf der Energiefachmesse E-World Energy & Water in Essen werbewirksam angekündigt hat, 16.000 neue Smart Meter zu bestellen und einzubauen. Ungewöhnlich ist die Ankündigung keineswegs, erfüllt sie doch die – schon vor Jahren beschlossenen – ordnungspolitischen Maßnahmen, elektronische Haushaltszähler (eHz) beziehungsweise Smart Meter einzubauen.

Verpflichtend ist der Einbau eines Smart Meters heute schon für Anlagen, die im Jahr mehr als 10.000 kWh Energie aufnehmen, sowie für Betreiber einer PV- oder BHKW-Anlage mit mehr als 7 kW elektrischer Anschlussleistung. Ab 2020 gilt die Regelung dann für alle Anlagen, deren Jahresverbrauch über 6000 kWh liegt.

 

Wo sind die Schnittstellen?

Smart Meter werden als ein Schlüssel zur Energiewende gesehen, daher wäre die Ankündigung von E.on nicht einmal eine Zeile in der Fachpresse wert, aber die ganze Sache hat einen Haken: Die Smart Meter, die die Energiewende als zentrale Schaltstellen ermöglichen und beschleunigen sollen, und zwischen PV-Anlage, Verbrauch und E-Mobility steuern, regeln und sichern, sind für sich genommen nur bedingt einsatzbereit.

Zwar fehlt es nicht an geeigneten Zählern – die haben die Hersteller frist- und termingerecht dem Markt zur Verfügung gestellt. Zu einem intelligenten Messsystem, das eine bidirektionale Kommunikation zwischen Messstellenbetreiber und Verbraucher ermöglicht, gehört jedoch auch ein Gateway. Und weil die Gateways nicht nur als Kommunikationsschnittstelle des Smart Meters, sondern auch als Sicherheitszentrale fungieren sollen, hat das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnologie (BSI) für diese Geräte hohe Anforderungen an Datenschutz und technische Sicherheit festgelegt.

Was also fehlt, sind geeignete – und vor allem geprüfte sowie zertifizierte – Schnittstellen. Denn offenbar wurde die Zertifizierung von Schnittstellen von Seiten der zuständigen Behörden gehörig unterschätzt.

 

Keine Zertifizierung vor Ende 2018

Während in weiten Teilen Europas viele Tausend eHz und Smart Meter ohne Gateway betrieben werden (zum Beispiel in Skandinavien, Italien und Polen) wollte man in Deutschland den sicheren Weg gehen und die Zähler gegen Hackerangriffe, die gleichzeitig auch als Angriffe auf das gesamte Smart Grid ausgeführt werden können, absichern. Die Bundesregierung hatte daher das BSI schon im Jahr 2013 darauf verpflichtet.

Zwar sind inzwischen acht Gateways in der Prüfung – mit der Zertifizierung der ersten Geräte wird aber nicht vor Ende 2018, eher bis 2022 gerechnet. »Der Hauptgrund liegt sicherlich daran, dass der Zertifizierungsprozess nach Common Criteria extrem komplex ist, dass alle Gateway-Hersteller quasi Neulinge sind in diesem Prozess. Wir ja auch. Und dass das schon sehr dokumentenlastig ist und dass das BSI an der Stelle sehr, sehr gründlich ist. Und deswegen dauert es eben seine Zeit«, erklärt Nikolaus Starzacher vom Gerätehersteller Discovergy.

 

Und wer zahlt?

Hinzu kommt ein weiterer Aspekt: Noch ist dem Verbraucher nicht klar gemacht worden, wer denn eigentlich die Rechnung bezahlt. Die Verbraucherverbände vertreten unisono den Standpunkt, dass derjenige, der den Nutzen hat, auch die Kosten tragen soll. Aus Sicht der Verbraucherverbände sind das die Verteilnetzbetreiber. Und bisher ist lediglich über die Kosten für den intelligenten Zähler diskutiert und die Kosten dafür mit circa 100 Euro pro Jahr angegeben worden. Aber wer zahlt denn eigentlich für das Gateway und für dessen Zertifizierung, die heute bereits mit rund einer Million Euro pro Zertifizierung kolportiert wird?

Die Aufgaben, die heute schon in Rahmen einer Energiewende der Bundesregierung zugewiesen werden, sind sehr umfangreich. Man darf gespannt sein, wie ein neues Energiekonzept aussehen kann. Ein »weiter so« scheint da eher kontraproduktiv.

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